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Was ich mir von Lieberknecht wünschen würde 

Was ich mir von Lieberknecht wünschen würde 
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Ein Kommentar von Tobias Bosse

Braunschweig. Ich weiß, ich weiß, Hater werden wieder sagen: Ach der Bosse, der ist schon wieder nur am Hetzen und jetzt soll Lieberknecht ihm auch noch einen Wunsch erfüllen? Der spinnt doch. Aber letztendlich bin ich auch „nur“ ein Eintracht-Fan, der seine eigene Meinung hat. Der einzige Unterschied zu den meisten anderen ist, dass ich diese Meinung durch meinen Job auf diesem Portal publiziere, während andere sie lediglich in Foren, Stammtischen oder im Block kundtun. Das heißt nicht, dass ich meine Meinung deshalb als wichtiger oder richtiger empfinde, ich stelle sie lediglich hier zur Diskussion. Denn als Fan hat man nunmal Wünsche. Vor allem, wenn es sportlich gerade nicht so läuft. Außerdem war gerade erst Weihnachten, da wird man sich ja wohl noch was wünschen dürfen oder was? 

All jene, die darauf spekuliert haben, ich würde mir einen Rücktritt von Torsten Lieberknecht als Eintracht-Trainer wünschen, muss ich an dieser Stelle enttäuschen. Das ist nicht mein Begehr. Auch wenn ich mit vielen Entscheidungen des Fußballlehrers nicht einverstanden bin, halte ich diesen Weg, zum Wohle des Vereins, nicht für den besten. Dabei geht es nicht um Lieberknechts Verdienste in der Vergangenheit, die unbestritten enorm groß sind. Nein, zum einen ist die Winterpause zu kurz um ein Trainerwechsel zu vollziehen und zum anderen, denke ich, dass Lieberknecht durchaus noch der richtige Mann für den Job sein kann. 

Warum? Er identifiziert sich zu tausend Prozent mit Eintracht Braunschweig und den Werten des Vereins sowie der Stadt – Er blutet Blau und Gelb. Seine Art ist locker, flapsig, emotional und mir somit sehr sympathisch. Er ist eine ehrliche Haut und absolut authentisch. Seine defensiven Konzepte sind sehr wirksam, weil er es offensichtlich schafft, diese schnell und verständlich zu vermitteln – auch und vor allem Neuzugängen, die zumeist nach nur einer Vorbereitungsphase schon homogen im Abwehrverbund wirken. All diese Punkte sprechen aus meiner Sicht für den 44-Jährigen Pfälzer, der im Herzen bereits Braunschweiger sein dürfte. Was zur Hölle soll man sich von einem Trainer mit dieser Beschreibung denn noch wünschen? 

Ich sage es euch: Mut, Aufgabenbereiche zu delegieren. Denn die tollen Dinge, die ich zuvor über Lieberknechts Defensivkonzepte sagte, gelten für die Offensive ebenso, nur umgekehrt. Das Angriffsspiel hat sich nach dem Abstieg 2014 wenig bis überhaupt nicht weiterentwickelt, das hätte es aber müssen. Denn seitdem hat sich die Rolle von Einracht Braunschweig geändert: Vom Underdog, der mit wenig Ballbesitz, einer starken Defensive und gutem Konterspiel für so viel Furore in der dritten sowie zweiten und ersten Liga gesorgt hat, zum Erstligaabsteiger, der fortan als Favorit behandelt wurde, was tiefstehende Gegner, viel Ballbesitz und enge Räume in und um den Strafraum herum bedeutete. Lieberknechts offensives Konzept ist bei den Gegnern bekannt und kann somit leichter verteidigt werden. Deshalb muss eine neue Spielidee her, deren Grundlage ein geordneter Spielaufbau ist und den Spielern somit auch deutlich höhere technische Vorraussetzungen abfordert.

Ohne Torsten Lieberknecht jetzt zu nahe treten zu wollen, glaube ich ehrlich gesagt nicht, dass er diese spielerische Entwicklung allein anleiten wird. Schließlich hat er das in den vergangenen dreieinhalb Jahren nicht getan und aktuell macht es auch nicht den Anschein, als würde er diesem Thema eine größere Bedeutung zumessen: Das Hauptaugenmerk für die Wintervorbereitung liegt nach seiner jüngsten Aussage auf der Fitness, die über allem stehe. Mit Verlaub, aber wenn eine Mannschaft die schlechteste Passquote und daraus resultierend, den geringsten Ballbesitz hat, sollte man sich nicht größtenteils darum kümmern? Passspiel ist die DNA des Fußballs und die nötige Fitness haben Profispieler meiner Meinung nach heutzutage selbstverantwortlich mitzubringen.

Aber das ist auch alles überhaupt nicht schlimm. Denn was im europäischen Fußball zwar noch nicht angekommen, im amerikanischen Profisport dafür aber längst Gang und Gebe ist, könnte möglicherweise auch der Eintracht helfen – Aufgabenverteilung nach Kernkompetenzen. In der NFL, NBA, sowie teilweise auch bei den deutschen Pendants wird ein Chefcoach beispielsweise von einem Offensiv- sowie Defensiv und im Football sogar einem Specialteam-Koordinator flankiert. Sie sprechen ihre Empfehlungen aus und der Chef entscheidet. Das hat nichts mit Entmachtung zu tun, sondern mit Optimierung. Die eierlegende Wollmilchsau gibt es halt nur im Märchen. Jeder Trainer hat ebenso Stärken wie Schwächen. Die Frage ist nur, ob man sich das auch eingesteht und Hilfe ins Boot holt. 

Zumal in Lieberknechts Fall nur ein helfende Hand mit anderem fußballerischen Hintergrund nötig wäre, weil er selbst ein hervorragender Defensivkoordinator ist. Denn bereits zu aktiven Zeiten war Lieberknecht eher destruktiv als kreativ auf dem Platz unterwegs. Eine Ergänzung seines Trainerteams um einen kreativen Offensivspezialisten, in dem Lieberknecht weiterhin der Chef ist, könnte helfen. Die Qualität attraktiven Offensivfussball zu spielen, hat die Mannschaft definitiv, es muss nur herausgekitzelt werden. Dann könnte ein Neuzugang auf der Trainerbank möglicherweise sogar einen größeren Effekt haben, als einen neuen Stürmer zu verpflichten. 

*Die Meinung des Autors spiegelt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wider.