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Eintracht steht am Scheideweg

Eintracht steht am Scheideweg
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Ein Kommentar von Tobias Bosse

Braunschweig. Früher war alles besser und überhaupt. Nicht selten hört man heute Stimmen, die sich den Fußball zurückwünschen, der in den ersten Zweidritteln von Torsten Lieberknechts Amtszeit als Eintracht-Coach gespielt wurde. Das Problem ist nicht, dass diese Zeiten vorbei sind, sondern viele nicht verstanden haben, dass die Mannschaft mit dieser Art von Fußball nicht mehr um den Aufstieg in der zweiten Liga mitspielen kann und es nichts bringt, sich an den tollen vergangenen Tagen aufzugeilen. Das untergräbt die aktuellen Probleme nur, schönt die Gegenwart und gefährdet somit die Zukunft.

Auch die Sportliche Leitung hat diese Entwicklung zu spät erkannt und versucht nun mühevoll Verpasstes nachzuholen. Was genau verpasst wurde? Eine Abwandlung des Spielsystems: Eintrachts glorreiche Zeit mit zwei Aufstiegen innerhalb von drei Jahren haben wir einem perfekt ausgeführtem Konterfußball zu verdanken. Die Defensive stand hervorragend – da war Lieberknecht immer schon herausragend – spielte den Ball nach Eroberung schnell auf die Außen und dort ging entweder mit Karim Bellarabi oder Mirko Boland die Post ab. Im Zentrum verwerteten abwechselnd  Dennis Kruppke oder Domi Kumbela mit beeindruckender Quote. Das klappte, weil Eintracht damals der Underdog war. Vergleichbar mit Darmstadt vor einigen Jahren oder Holstein Kiel in der laufenden Spielzeit.

Mit dem Bundesligaabstieg war die Zeit der Außenseiterrolle jedoch Geschichte. Für die Gegner im Bundesliga-Unterhaus war Eintracht Braunschweig nun der Favorit. Das hatte selbstverständlich Folgen für das Spiel, denn allzu oft igelten sich die Gegner nun hinten ein und überließen Eintracht Ball und Platz. Hauptsache, man ließ den Löwen keine Möglichkeit zum Kontern. Und mit diesen neuen Anforderungen Chancen zu kreieren, hatte Eintracht Probleme. Ein Umbruch musste her. Eine neue Spielidee, die darauf ausgelegt ist, mit viel Ballbesitz gegen tiefstehende Gegner zu aussichtsreichen Abschlüssen zu kommen.

Und Lieberknecht versuchte viel, aber nur wenig davon brachte nachhaltigen Erfolg. So fiel man immer wieder zurück in alte Spielmuster: Lange Bälle, schnelles Umschalten und über die Außen zum Erfolg kommen. So verschleppte man aber den großen Umbruch in den ersten zwei Jahren nach dem Abstieg zugunsten eines sechsten und achten Tabellenplatzes. Gut möglich, dass die Saison bei konsequenterer Durchführung des Umbruchs deutlich schlechter verlaufen wäre. Aber so etwas ist halt nun mal nötig für die Weiterentwicklung und daher ein notwendiges Übel.

Der größte Trugschluss ist allerdings das Ergebnis der vergangenen Saison. Eintracht hat nicht den drittbesten Fußball der Liga gespielt, lediglich den dritterfolgreichsten. Ja, ich weiß, Fußball ist ein Ergebnissport und am Ende gewinnt nicht die bessere Mannschaft, sondern die, die mehr Tore geschossen hat. Und das war voriges Jahr meistens Eintracht. Aber warum? In der Hinrunde haben wir wieder Konterfußball gespielt – dieses Mal war Hernandez der Bellarabi, Nyman der Kruppke und Kumba immer noch Kumba. Mit Erfolg. Bis zur Winterpause. Bereits in den Dezember-Spielen gegen Union, Bielefeld und Karlsruhe war zu erkennen, dass sich die Gegner wieder besser auf das Spiel der Eintracht eingestellt hatten.

Aber kein Problem: Eintracht war Herbstmeister und die Winterpause hätte genügend Zeit geliefert, um sein System zu verändern und vielleicht mit einer Ergänzung im zentralen Mittelfeld neue Reize zu setzen. Doch nichts änderte sich. Und zunächst passierte das, was passieren musste. Eintracht gewann nicht mehr. Nur drei Punkte aus den ersten vier Spielen kostete die Tabellenführung. Doch mit Mirko Boland kam der Siegeswille zurück auf den Platz. Fortan wurden wieder Spiele gewonnen, aber nicht aufgrund der spielerischen Klasse, sondern wegen mannschaftlicher Geschlossenheit, Einsatzwille, Leidenschaft und auch einer guten Portion Glück. So verdiente sich die Mannschaft den Relegationsplatz redlich und trotzdem wurden die grundlegenden Probleme im Spielsystem dadurch nur vertagt.

Denn Eintracht fehlen auch in diesem Jahr wieder offensive Konzepte, um sich mit spielerischen Mitteln Chancen zu erarbeiten. Sowohl in Puncto Ballbesitz als auch Passspiel rangiert Eintracht aktuell auf Platz 17. beziehungsweise 18. im Ligavergleich (Quelle: Kicker). Und weil die Liga immer ausgeglichener wird, fällt das immer mehr ins Gewicht beziehungsweise schlägt sich deutlich in der Tabelle nieder. Die unterschiedlichen Systeme, ob 4-4-2, 3-5-2 oder 4-2-3-1 sind meines Erachtens nur Augenwischerei. Es geht um das Konzept dahinter und das ist leider allzu oft eindimensional. Die spielerische Entwicklung tritt seit Jahren auf der Stelle. Und jeder, der auf die Erfolge vergangener Tage verweist, der tut dem Verein damit keinen Gefallen, sondern maximal den Entscheidungsträgern. Keiner redet hier von einem Wechsel der Sportlichen Leitung, aber Probleme müssen offen angesprochen werden – nicht populistisch oder polemisch, aber ehrlich.

Wir stehen dieses Jahr am Scheideweg. Aber nicht der Trainer soll scheiden, sondern die Spielidee. Es bringt nichts, sich in einer Art Wagenburg-Mentalität an nostalgische Erinnerungen zu klammern. Wenn Eintracht auch zukünftig erfolgreich Fußball spielen will, muss auch die Sportliche Leitung ihr Konzept hinterfragen. Mir persönlich geht es nicht darum, dieses Jahr um den Aufstieg mitzuspielen, sondern das Eintracht die Probleme erkennt und als Herausforderung für die Zukunft annimmt. Das heißt, kein ergebnisorientierter Fußball, sondern die spielerische Weiterentwicklung vorantreiben. Der Erfolg kommt dann von alleine, denn ausreichend Qualität dafür ist im Kader definitiv vorhanden!

*Die Meinung des Autors spiegelt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wider.