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Fehlender Mut oder berechtigte Vorsicht?

Fehlender Mut oder berechtigte Vorsicht?
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TrainerteamNach Abschluss der Hinrunde steht Eintracht Braunschweig auf einem soliden sechsten Tabellenplatz. Mit lediglich 14 Gegentoren stellen die Blau-Gelben den effektivsten Defensivverbund des Unterhauses. Dennoch wird man als Beobachter das Gefühl nicht los, es wäre mehr drin gewesen. Ein etwas höheres Risiko bei der taktischen Ausrichtung hätte möglicherweise den einen oder anderen Punkt mehr auf die Habenseite gespühlt. Oder tut das Trainerteam gut daran, das zurückhaltende Auftreten fortzuführen? Ein Kommentar.

Es ist wahrlich nicht alles verkehrt, was Eintracht Braunschweigs Verantwortliche bislang Woche um Woche praktizieren. Die Verteidigung steht bislang sicher. Junge Talente bekommen ihre Chance und wissen diese soweit auch gut zu nutzen. Der Kader zeugt von Nachhaltigkeit. Und dennoch:verwundert die Augen zu reiben Bei der Grundaufstellung beziehungsweise -ausrichtung, die Torsten Lieberknecht und sein Trainerstab mitunter vorgeben, bleibt dem geneigten Löwenfan manchmal nichts, als sich verwundert die Augen zu reiben. Es ist nunmehr landläufig bekannt, dass Lieberknecht im obligatorischen Präspieltags-Statement gerne vorrangig den kommenden Gegner schönredet – unabhängig davon, wer das nun sein mag. Pokalkontrahent Reutlingen beispielsweise wurde als Mannschaft illustriert, „die auch im Mittelfeld der 3. Liga mitspielen könnte.“ Sätze wie „die haben enormes Potential“ oder „der Gegner müsste normalerweise weiter oben stehen“, sind mittlerweile Usus. Erstmal ist daran nichts falsch – man sollte generell für jede Aufgabe ein gewisses Maß an Respekt mitbringen, ohne dabei aber die eigenen Stärken und Ambitionen in den Hintergrund zu spielen. Der Klassiker aber – der auf beinahe jeder Pressekonferenz herangezogen wird – ist: „Wir müssen mit unheimlich viel Geduld auftreten.“

Muss man das wirklich immer? Ist es nicht manchmal sinnvoll, sich nicht zurückzuziehen, sondern den Gegner von Beginn an unter Druck zu setzen, um ihn nicht zur Entfaltung kommen zu lassen? An dieser Stelle sollen zwei Beispiele der Anschauligkeit dienen.

Erstens: Die 0:1-Niederlage in Düsseldorf. Eintracht Braunschweig hat an diesem Spieltag mit Khelifi, Berggreen, Hochscheidt, Holtmann und Hvilsom fünf Offensivkräfte im Aufgebot – spielen darf vorerst nur einer davon. Stattdessen bildet ein sichtlich überforderter Hendrick Zuck die alleinige Sturmspitze. Ein Spieler, der nicht gerade durch seine Abschlussstärke auffällt. Eine Argumentation a lá „wir wollten erstmal Sicherheit reinbringen“, ist zwar vertretbar, aber kaum nachzuvollziehen. Denn wenn das Gegentor doch fällt, ist die Reaktionsfähigkeit stark limitiert. Anstatt auf Sieg zu spielen, wird auf Torgefahr verzichtet. Anstatt von Anfang an selbst Druck aufzubauen, schenkt man dem Gegner Selbstvertrauen. Der Versuch, die Scharte noch auszuwetzen, kommt zu spät. Es bleibt lediglich die Erkenntnis, dass Hochscheidt und Berggreen nach ihrer Einwechslung innerhalb weniger Minuten mehr Gefahr ausstrahlen als die gesamte Mannschaft in Halbzeit eins. Da fragt man sich doch: „Warum nicht gleich so?“

dem durch die eigene Vorsicht zu mehr Selbstvertrauen verholfen wird.
dem durch die eigene Vorsicht zu mehr Selbstvertrauen verholfen wird.

Zweitens: Das 0:0 gegen 1860 München vor heimischer Kulisse. Zwar macht die Aufstellung in dieser Partie etwas mehr Hoffnung auf offensive Durchschlagskraft, die taktische Ausrichtung dagegen lässt deutlich zu wünschen übrig. Ist es der eigene Anspruch, in der Spitzengruppe mitzuspielen, sollte eine solche Partie eigentlich gewonnen werden wollen. Doch anstatt die Gäste von Beginn an in Schwierigkeiten zu bringen, bedingungslos auf das Führungstor zu gehen, ist Eintracht Braunschweig mal wieder „geduldig“, womöglich etwas zu geduldig – und zwar im eigenen Stadion, gegen den Tabellenvorletzten, dem durch die eigene Vorsicht zu mehr Selbstvertrauen und somit spielerischer Stärke verholfen wird. Am Schluss ist der einfache Punktgewinn beinahe noch glücklich.

Wir sprechen an dieser Stelle nicht über Spitzenteams, sondern über – zum Zeitpunkt des jeweiligen Aufeinandertreffens – den 15. und 17. des Tableaus. Die beiden direkten Aufstiegsplätze mögen in dieser Spielzeit unerreichbar sein. Platz drei aber ist durchaus vakant. Soll in höheren Tabellengefilden mitgespielt werden, ist es unweigerlich notwendig, gegen solche Mannschaften engagierter aufzutreten, sprich: Auf Sieg zu spielen. Mit beschriebenen Auf- beziehungsweise Einstellungen ist dies geradezu unmöglich. Eher erlangt man zu dem Eindruck, es sei wichtiger, hinten die Null zu halten, als vorne zu treffen. Lieber 0:0 als 3:2.

 ist es unweigerlich notwendig, gegen solche Mannschaften engagierter aufzutreten,
ist es unweigerlich notwendig, gegen solche Mannschaften engagierter aufzutreten,

Wie bereits erwähnt: Grundsätzlich leisten die Verantwortlichen keine schlechte Arbeit. Vielleicht liegt die Vorsicht auch darin begründet, dass die Führungsriege die Mannschaft noch nicht für fähig zu höheren Aufgaben erachtet. Trotzdem: Mit etwas mehr Mut zum Risiko ist es sicherlich machbar, im Kampf um den Relegationsplatz eine ernsthafte Rolle zu spielen. Wird dieses Risiko nicht belohnt, ist es am Ende womöglich nur Platz neun. Momentan aber gelangt man unweigerlich zu dem Eindruck, Eintracht Braunschweig würde nach dieser Punktrunde gerne Sechster werden – und ob Sechster oder Neunter ist schließlich von minderer Bedeutung. Das heißt noch lange nicht, dass zwangsläufig aufgestiegen werden muss. Wahrscheinlich ist es dafür tatsächlich noch zu früh. Aber ein bisschen mehr Mut zum Risiko – das würde ich mir wünschen.

Dieser Kommentar spiegelt nicht zwangsläufig die Meinung der gesamten Redaktion wider.