Home Lions American Football – simpel und komplex zugleich

American Football – simpel und komplex zugleich

American Football – simpel und komplex zugleich
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Fleischbepackte Hünen prallen in einem kurzen Moment der Entladung aufeinander, ringen sich gegenseitig zu Boden. Anschließend wird sich wieder aufgerappelt, neu formiert und das Spektakel beginnt von Neuem. Durchsetzt ist das Ganze von zahlreichen Auszeiten und sonstigen Unterbrechungen. So oder so ähnlich wirkt ein American Football-Spiel auf viele Zuschauer, die zuvor nie damit in Berührung gekommen sind. Bei genauerer Betrachtung aber ist es ein Spiel, das mit mehr taktischer Raffinesse und Feinheit verbunden ist, als beinahe jeder andere Mannschaftssport. American Football ist simpel und komplex zugleich.

ein Spiel, das mit mehr taktischer Raffinesse und Feinheit verbunden ist,
ein Spiel, das mit mehr taktischer Raffinesse und Feinheit verbunden ist,

Um sich für American Football zu öffnen, ist es vorerst wichtig, sich von gewohnten Konventionen zu lösen. König Fußball hat den Mammutanteil des deutschen Sportpublikums in eine Richtung sozialisiert, in der es für den Spielfluss negativ ist, wenn ein Spieler einen anderen durch harten Körpereinsatz stoppt und somit eine Spielunterbrechung hervorruft. Diese Kombination von Vorkommnissen wird automatisch mit einem Foulspiel assoziiert. Entfernt man sich also von solch eingebrannten Gedankengängen – natürlich ohne seine Leidenschaft für Fußball und andere Sportarten zu verdrängen –, ist der erste Schritt getan, um ein echter American Football-Fan zu werden, denn da ist der eben beschriebene Vorgang völlig anders zu bewerten: Provoziert die verteidigende Mannschaft eine Spielunterbrechung, indem sie den ballführenden Angreifer zu Boden bringt, erreicht sie genau das, was das Spielziel vorsieht – sie hält die gegnerische Offensive auf und erfüllt somit ihre Aufgabe.

durch harten Körpereinsatz stoppt und somit eine Spielunterbrechung hervorruft.
durch harten Körpereinsatz stoppt und somit eine Spielunterbrechung hervorruft.

Vom Grundprinzip her ist American Football eine einfache Sache. Es ist ein Spiel um Raumgewinn. Noch schlichter: Eine Mannschaft versucht, das Spielgerät durch Passen oder Laufen so weit voranzutreiben, bis das gegenüberliegende Ende des Spielfeldes erreicht ist. Die andere Mannschaft ist darauf bedacht, dies durch harten Körpereinsatz zu verhindern. Im Grunde ist das die logischste Idee, wenn es darum geht, ein Gruppenspiel zu erdenken.

Einen interessanten Aspekt stellt dabei die Positionsunterteilung dar. Jeder der Akteure auf dem Feld hat einer ganz speziellen Aufgabe nachzukommen. Manch einer mag jetzt denken: „Klar, das ist ja beim Fußball nicht anders.“ Das aber stimmt nur teilweise. Beim Fußball beispielsweise gehen bei Eckstößen die – in der Regel – etwas höher aufgeschossenen Innenverteidiger fast immer mit in die Offensive, um gegebenenfalls die Chance auf ein Kopfballtor nutzen zu können, obwohl ihre primäre Aufgabe in der Abwehrarbeit liegt. Bei Basketballspielen entstehen oft Situationen, in denen ein großer Spieler plötzlich im Eins-gegen-Eins gegen einen viel kleineren, wendigeren Spieler steht. Im American Football dagegen ist es enorm wichtig, dass sich jeder Spieler genau an seine Aufgaben hält. Die Offensive Linemen zum Beispiel – das sind die schweren Jungs, die am Anfang eines jeden Spielzuges im Mittelpunkt des Getümmels stehen – haben dafür Sorge zu tragen, dass ihr Spielmacher, der Quarterback, vor den Attacken der gegnerischen Verteidigung geschützt ist. Des Weiteren versuchen sie, Lücken zu stoßen, um einen möglichst weiten Ballvortrag der eigenen Farben zu unterstützen. Dass nun ein Spieler dieses körperlichen Formats im direkten Duell mit einem der agilen Passempfänger steht, wird im American Football nicht zu beobachten sein. Nur in ganz besonderen Situationen – in der Regel bei Trickspielzügen – verlassen die Spieler unter Umständen ihren eigentlichen Kompetenzbereich.

das sind die schweren Jungs, die am Anfang eines jeden Spielzuges im Mittelpunkt des Getümmels stehen – haben dafür Sorge zu tragen, dass ihr Spielmacher, der Quarterback, vor den Attacken der gegnerischen Verteidigung geschützt ist.
das sind die schweren Jungs, die am Anfang eines jeden Spielzuges im Mittelpunkt des Getümmels stehen – haben dafür Sorge zu tragen, dass ihr Spielmacher, der Quarterback, vor den Attacken der gegnerischen Verteidigung geschützt ist.

Aufgrund dieser Spezialisierung ist eine Footballmannschaft in, sagen wir, mehrere kleinere Teams unterteilt. Zumindest im Profibereich wird – auch in diesem Fall mit sehr wenigen Ausnahmen – klar zwischen Verteidigern, Angreifern und so genannten Special Teams differenziert. Ist ein Spieler im Kreise der Verteidiger angesiedelt, so steht er nur auf dem Feld, solange der Gegner in Ballbesitz ist.

Wer beim Beobachten eines Footballspiels durch die vermeintliche Brutalität den Eindruck erlangt, es sei alles erlaubt, um einen Gegenspieler zu Fall zu bringen, liegt weit daneben. Zwar ist es ein harter, körperbetonter Sport, der eine hohe Fitness und eine Menge Kraft voraussetzt, um Verletzungen vorzubeugen und für die Ansprüche des Spiels gewappnet zu sein. Wie bei jeder anderen Sportart, die auf den ersten Blick martialisch erscheinen mag, gibt es aber auch hier klare Regeln und Restriktionen. An dieser Stelle beginnt die nächste Ebene der Komplexität. Ist es Regelkonform, sein Gegenüber mit einer Attacke wie etwa einem Griff in die Helmmaske niederzureißen? Nein, Angriffe dieser Art sind ebenso untersagt wie Körperkontakt nach Beendigung des Angriffsspielzuges – so genannte Late Hits –, um nur zwei offensichtliche Regelübertretungen zu nennen. Genauso ist es strikt verboten, den anvisierten Empfänger eines Passes körperlich anzugehen, bevor dieser mit dem Spielgerät in Kontakt gekommen ist, was nicht bedeutet, dass eine enge, intensive Deckung einer Strafe gleichkommt.

Wie bei jeder anderen Sportart, die auf den ersten Blick martialisch erscheinen mag, gibt es aber auch hier klare Regeln und Restriktionen.
Wie bei jeder anderen Sportart, die auf den ersten Blick martialisch erscheinen mag, gibt es aber auch hier klare Regeln und Restriktionen.

Gestandene Football-Anhänger freuen sich selbstverständlich über harte, gezielte Körpertreffer. Die Freude ist aber nicht bedingt durch Hoffnung über eine mögliche Verletzung des Getroffenen, sondern durch die gute Antizipation des Verteidigers, der durch eben diesen Tackle einen Raumgewinn verhindern konnte. Diese Freude bricht sich ebenso Bahn, wenn ein geschickter Angreifer durch seine Agilität solchen Körpertreffern ausweicht und somit große Teile des Spielfeldes zu überbrücken im Stande ist.

der durch eben diesen Tackle einen Raumgewinn verhindern konnte.
der durch eben diesen Tackle einen Raumgewinn verhindern konnte.

Gerade bei einem Sport, der von Körperkontakt lebt, ist es dabei umso wichtiger, dass die Akteure für die Härte sensibilisiert sind, sie nur im Zuge des Spiels als Mittel der Wahl verstehen und nicht in dessen Anschluss herauslassen. Zwar kommt auch das leider ab und an vor, allerdings nicht häufiger als bei anderen Sportarten – und wenn, dann ist dieser Umstand eher den Emotionen geschuldet, die jeder Sport zu entfachen im Stande ist.

Was an American Football fasziniert, ist die Schnelligkeit, die Präzision, die Kraft und die taktische Vielschichtigkeit. All diese Faktoren entfalten ihre Wirkung erst nach einiger Zeit der Observierung und mögen im ersten Augenblick undurchsichtig erscheinen. Die Analyse in sämtlichen Details bleibt dabei in ihrer Gänze den absoluten Fachleuten vorbehalten. Nur gestandene Profis sind in der Lage, sämtliche Feinheiten erkennen und bewerten zu können, die während der kurzen Dauer eines Spielzuges stattfinden. Trotzdem ist American Football ein Spiel, dem jeder Sportinteressierte eine Chance geben sollte, ohne nach den ersten Spielszenen sofort die Motivations-Flinte ins Korn zu werfen. Football ist so simpel, dass ein jeder einen Zugang dazu findet, wenn er sich ein wenig darauf einlässt – und gleichzeitig so komplex, dass es sich nur Spezialisten in vollem Maße erschließt.

Trotzdem ist American Football ein Spiel, dem jeder Sportinteressierte eine Chance geben sollte,
Trotzdem ist American Football ein Spiel, dem jeder Sportinteressierte eine Chance geben sollte,