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Onur Yasar – Brazilian Beton

Onur Yasar – Brazilian Beton
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Brazilian Jiu Jitsu ist eine Sportart, die sich in unseren Gefilden bislang nur sehr überschaubarer Bekanntheit erfreut. Ein Braunschweiger allerdings sorgt im Kosmos des BJJ zusehends für Furore, eilt von Erfolg zu Erfolg. Erst kürzlich gewann Onur Yasar in seiner Gürtelklasse den Europameistertitel – und das, obwohl er diesen Kampfsport erst unlängst für sich entdeckt hat. Sein Talent eröffnet ihm nun sogar die Chance, in der Welt herumzukommen, sich neuen Herausforderungen innerhalb wie auch außerhalb des Rings zu stellen und lässt den Wunsch wachsen, sich auch in anderen Kontaktsportarten etablieren zu wollen.

präsentiert sich das Trainingsgelände wie ein Klischee.

Als ich an einem Donnerstagabend an der Kampfsportakademie eintreffe, präsentiert sich das Trainingsgelände wie ein Klischee. Stilecht befindet sich der Übungsraum auf einem Hinterhof. In dem Gebäude, das an eine umfunktionierte Lagerhalle erinnert, liegt ein leichter Metallgeruch in der Luft. Stahlträger hängen von der Decke. Pokale, Urkunden und Erinnerungsfotos schmücken die Steinwände. Inmitten von Hantelbänken und Sandsäcken befindet sich ein Teppich aus gepolsterten Matten.

Für jemanden, der in seinem Leben bislang beinahe ausschließlich mit Ballsportarten in Berührung gekommen ist, mutet schon das Aufwärmprogramm etwas gewöhnungsbedürftig an. Dennoch erschließt sich die Funktionalität der ersten Übungen auf Anhieb: Die Trainingsgruppe windet sich am Boden, simuliert bereits beim Warmmachen typische Kampfszenen, in denen es gilt, sich aus Griffen des Gegners zu befreien. Onur Yasar leitet an diesem Abend das Training. In Vertretung seines Meisters Gledison Lanko Pereira – von allen nur Pelé genannt – gibt er den Takt vor. Obwohl er den Sport selbst erst seit etwa zwei Jahren betreibt, hängt das Plenum an seinen Lippen und lauscht genau, wenn er – untermalt von Erfahrungsberichten – die einzelnen Griffe und Hebel sowie deren spezifischen Sinn erläutert.

Pokale, Urkunden und Erinnerungsfotos

Gerade erst ist Yasar von einem internationalen Turnier wiedergekehrt, an dessen Ende er wieder einmal ganz oben auf dem Treppchen stand. Auch von der Europameisterschaft im Januar hatte er eine Goldmedaille mit nach Hause bringen können. Momentan tritt der 30-Jährige noch in der Gruppe der Weißgurte an. Gewichtsklasse: bis 88,5 Kilogramm. Doch diese Staffelungen sind nicht immer ausschlaggebend: „Bei internationalen Turnieren kämpft man ausschließlich gegen Gegner der eigenen Gürtelfarbe. Es gibt aber auch so genannte Open Class Turniere, bei denen entweder die Gewichts- oder die Gürtelklasse offen ist. Da kann es dann passieren, dass man gegen Kämpfer anderer Klassen antreten muss“, erklärt Yasar.

Um in der Gürtelhierarchie die nächste Stufe zu erreichen – in Onur Yasars Fall wäre es die Farbe Blau –, bedarf es einer Einschätzung des Meisters, ob der jeweilige Schüler die vorausgesetzten Techniken nicht nur beherrscht, sondern auch anwendet – und zwar im direkten Duell. „Die finale Prüfung ist es, gegen den Meister zu kämpfen und er entscheidet dann, wie gut du das Gelernte in deine Bewegungen einbaust und auch benutzt“, so der Familienvater.

die Verwandtschaft zum Judo zu erkennen.

Während ich die Trainingsszenerie beobachte, komme ich nicht umhin, die Verwandtschaft zum Judo zu erkennen. Zu ähnlich erscheint das Grundprinzip, der hohe Anteil an Bodenkampf. Der generelle Unterschied, so erklärt mir Yasar, liege darin, dass der Kampf im Brazilian Jiu Jitsu nach erfolgreichen Aktionen nicht unterbrochen wird, damit sich die Kontrahenten wieder in ihre Grundaufstellung bewegen können, wie es beim Judo üblich ist. Des Weiteren sei mehr technische Raffinesse erforderlich. Zwar werden Griffe und Hebel ebenfalls mit der Vergabe von Punkten honoriert, beim BJJ gehe der Kampf allerdings solange weiter, bis er entweder durch Ablauf der vorgesehenen Zeit oder Aufgabe beendet ist. Die Ausnahme bilden so genannte Submission-Only-Wettkämpfe, bei denen der Schiedsrichter keine Punkte verteilt, sondern ein Triumph nur erzielt werden kann, wenn der jeweilige Gegenpart sich geschlagen gibt.

Ablauf der vorgesehenen Zeit oder Aufgabe beendet ist

Im Laufe der Übungseinheit schallt plötzlich der Begriff „Beton Choke“ durch die Halle, als Yasar seinen Schülern eine Griffvariante erklärt, bei der er, auf seinem Gegner liegend, dessen Kopf und Nase gegen seine Brust drückt. „Diese Technik heißt eigentlich Mother’s Hug. Nachdem ich damit vor kurzem einen meiner Gegner bezwingen konnte, haben wir sie hier unter uns in Beton Choke umgetauft“, sagt Yasar. Die Namensgebung entstand in Anlehnung an seinen Spitznamen Onur Beton, den er sich ursprünglich zugelegt hatte, um auf den sozialen Netzwerken nicht so leicht zu finden zu sein, der sich nun aber sogar zu einer kleinen Marke zu verselbstständigen scheint. Einige der anwesenden BJJ-Kämpfer tragen bereits den Aufdruck „Beton Mode“ auf ihren Kimonos.

Wie die meisten Sportler hat Onur Yasar seine eigenen Marotten in Bezug auf die Wettkampfvorbereitung. Während der eine seinen Gegner gerne möglichst genau studiert, konzentriert sich der andere lieber auf sich selbst, um im gewohnten Rhythmus zu bleiben. Yasar gehört zum letzteren Schlag, wie er selbst erklärt: „Einige meiner Kollegen sehen sich im Vorhinein Videos ihrer Kontrahenten an. Dabei kommt es nicht selten vor, dass sie dadurch eher eingeschüchtert werden. Ich mache das gar nicht und verlasse mich lieber auf mein eigenes Können. Ich bin mir sicher, dass ich den einen oder anderen Kampf verloren hätte, wenn ich mir den Gegner zu genau angeschaut und mich daher auf seinen Stil eingelassen hätte.“

Ablauf der vorgesehenen Zeit oder Aufgabe beendet ist – deutlich mehr sogar als es bei den Trainingspartnern der Fall ist. Im ersten Moment erschließt sich mir bei diesem Anblick die eingebrannte Assoziation des Profisports, wo Personen unterschiedlichster Sportarten von Sponsorenlogos gebrandmarkt sind. Aber der erste Eindruck trügt. Statt der Werbeaufschrift finanzieller Gönner sind es Zugehörigkeitssymbole wie Mannschaftszeichen oder Embleme bekannter BJJ-Meister, die auf dem Anzug eingenäht sind. Auf monetäre Unterstützung ist der Europameister aber in hohem Maße angewiesen, um die Reisekosten zu seinen internationalen Wettkämpfen tragen zu können. Einen kleinen Pool lokaler Unterstützer konnte Yasar überzeugen, ihm zu helfen – was gerade als regionaler Vertreter einer vergleichsweise unbekannten Sportart zu einer wahren Nervenprüfung werden kann. Doch das Geld reicht gerade so. Zur Weltmeisterschaft, die Ende Mai in Los Angeles ausgetragen wurde, musste er allein aufbrechen. Ohne Familienmitglied, ohne Trainer, ohne jegliche Begleitung. Eine Übernachtungsmöglichkeit hat sich über Kontakte ergeben: „In Los Angeles konnte ich für wenig Geld im Dojo eines bekannten Kampfsportlers unterkommen. Das Gute an diesem Umstand ist, dass ich dort die Möglichkeit hatte, so oft zu trainieren, wie ich wollte.“

Eine fragwürdige Schiedsrichterentscheidung hat den Braunschweiger um das Weltmeisterschaftsfinale gebracht.
Viele positive Erfahrungen habe Onur Yasar aus den USA mitgebracht – eine negative mischte sich ebenfalls dazu. Eine fragwürdige Schiedsrichterentscheidung hat den Braunschweiger um das Weltmeisterschaftsfinale gebracht. „Mein Halbfinalgegner war darauf bedacht, seinen knappen Punktevorsprung ins Ziel zu retten. Kurz vor Ablauf der Zeit hatte ich seine beiden Arme fest in den Griff bekommen. Da er nicht auf die Matte klopfen konnte, schrie er, was in diesem Fall ebenfalls einer Aufgabe gleichkommt – die Schiedsrichter haben das aber anders bewertet“, so Yasar. Dass die Kampfrichter ihren Fehler im Anschluss eingestanden, war nur ein geringer Trost. Edelmetall gab es dennoch – dieses Mal in Bronze. Auch so habe er aber eine Menge aus Los Angeles mitgenommen – Eindrücke, die mit Medaillen nicht aufzuwiegen seien: „Das Turnier war nur ein kleiner Ausschnitt der Reise. Ich habe tolle Menschen kennenlernen dürfen und mir bei überragenden Sportlern vieles abgeschaut.“

So langsam neigt sich die Trainingseinheit dem Ende zu

So langsam neigt sich die Trainingseinheit dem Ende zu. Zum Abschluss heißt es: Mundschutz rein, es geht zum Sparring. Wobei diese Art des Trainingskampfes im Brazilian Jiu Jitsu „Rollen“ genannt wird. In Zweiergruppen versuchen die Teilnehmer, sich gegenseitig förmlich zurechtzulegen, um den möglicherweise entscheidenden Griff anzubringen. Schlagen und Treten ist streng verboten. Ineinander verkeilt, arbeiten sie sich über die Matten. Die Anstrengung steht jedem einzelnen ins Gesicht geschrieben. Sobald einer der Kontrahenten mit der Handfläche auf den Körper des Gegners oder den Mattenboden klopft, ist dies Zeichen der Aufgabe und der Kampf endet.

 Mattenboden klopft, ist dies Zeichen der Aufgabe und der Kampf endet

 

Als ich das Trainingsgelände wieder verlassen will, liegt das Gebäude bereits im Dunkeln. Kurzweilig bot sich mir mein erster Brazilian Jiu Jitsu-Eindruck dar. Während eines ersten Resümees verrät mir Onur Yasar seine weiteren Pläne: „Irgendwann möchte ich meine Kampfsporterfahrung noch ausweiten. Beispielsweise will ich unbedingt mal einen MMA-Kampf bestreiten.“ Bevor es soweit ist, stehen aber noch viele weitere Herausforderungen im Brazilian Jiu Jitsu auf der Agenda – und damit auch unzählige Stunden in der Trainingshalle auf dem Hinterhof.