Home Szene „Einmal Skater, immer Skater – das hat man einfach im Blut“

„Einmal Skater, immer Skater – das hat man einfach im Blut“

„Einmal Skater, immer Skater – das hat man einfach im Blut“
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Die Skate-Szene in Braunschweig erfreut sich mittlerweile großer Tradition. Ob in der Skatehalle Walhalla oder andernorts – die Skateboard-Jünger können der Kreativität bei der Suche nach geeigneten Spots freien Lauf lassen. Dabei beinhaltet dieses Hobby nicht nur den reinen Sport, sondern auch eine ganz eigene Lebenseinstellung. Ercüment Kasalar (37 Jahre) bestieg 1983 zum ersten Mal das Brett, Julien Benedix (17 Jahre) entdeckte seine Passion zum Skaten im zarten Alter von acht Jahren. SEEN brachte beide Generationen zum Interview zusammen.

Ercüment Kasalar (37 , Julien Benedix ,17 Jahre

Ercüment, mit deinen 37 Lenzen gehörst du in der Szene eher zur älteren Generation. Macht sich das Alter mittlerweile bemerkbar?

Kasalar: Früher habe ich das Skaten natürlich intensiver betrieben, hatte ein paar Sponsoren und bin auch viel bei Meisterschaften mitgefahren. Heute gehöre ich zum alten Eisen. Ich gebe zwar immer noch Gas und versuche mitzuhalten, aber die Kids sind einfach fixer. Ich fühle mich mittlerweile auch sehr wohl in meiner Rolle als Teammanager, die ich bei Boardjunkies übernommen habe. So habe ich die Möglichkeit, mit den Jüngeren auf Contests zu fahren, mit Rat und Tat zur Seite zu stehen und wenn man so einen alten Mann mal auf dem Board sieht, dann pusht das auch die Jungen, die sich dann denken: Der Typ ist fast 40 und geht immer noch ab.

Julien, wie nimmst du als jüngerer Vertreter des Sports den Einfluss eines der erfahrenen, älteren Skater wahr? Stellt jemand wie Ercüment eine Art Vorbild dar?

Benedix: Als ich zum Skaten gekommen bin, habe ich mich ziemlich schnell auch mit den Älteren gut verstanden. Darüber bin ich auch sehr glücklich, weil es einfach etwas anderes ist, wenn man von solchen Leuten angetrieben wird, wenn sie einem erklären, wie zum Beispiel die richtige Fußstellung aussieht. Es war auf jeden Fall super, dass ich mich von Anfang an den Älteren angeschlossen habe und mit ihnen zusammen geskatet bin.

Kasalar: Das war bei uns damals nicht anders. Wir haben von den Erwachsenen, wie wir sie genannt haben, auch sehr viel mitgenommen. Das gibt man quasi von Generation zu Generation weiter. Umgekehrt geht es aber auch. Wenn ich mich gerade mit etwas Bestimmtem abrackere, kommt es auch vor, dass Julien oder ein anderer zu mir kommt und Tipps gibt.

Ist es denn so, dass Skater aneinander vorbeirollen und man, durch die geteilte Passion, automatisch einen Zugang zueinander hat?

Kasalar: Differenzen zwischen einzelnen Personen gibt es selbstverständlich immer. Ich denke, der große Unterschied bei uns Skatboardern ist: Es geht nicht um Hautfarbe, Religion oder Geschlecht. Wir sprechen alle eine Sprache und da geht es ums Skateboarding. Auch das Alter spielt keine Rolle. Man unterstützt und pusht sich gegenseitig, unabhängig davon, wie groß der Altersunterschied ist. Es gibt nur eine Sprache und die ist das Skateboarding – und dafür leben wir halt.

Ist es denn so, dass Skater aneinander vorbeirollen

Gibt es in Deutschland eigentlich so etwas wie einen Sportverband für Skater?

Kasalar: Noch gibt es das nicht, aber es ist in der Entstehung. Ralf Middendorf und Titus Dittmann sind gerade dabei, in solche Sportverbände reinzukommen. Das Problem ist, man wäre dann in diesen konservativen Sportvereinen und da gibt es noch einige Streitpunkte. Am Ende geht es dabei darum, dass Skaten olympiareif wird. Da streitet sich die Szene momentan, ob das überhaupt erwünscht ist. Ob das Skaten so sehr ausgeschlachtet werden soll.

Wie steht ihr persönlich dazu?

Benedix: Ich möchte das definitiv nicht.

Kasalar: Ich sehe das nicht ganz so eng. Auf der einen Seite ist es schon cool, dass das Skateboarding mittlerweile viel anerkannter ist. Allerdings geht es beim Skaten ja nicht nur darum, auf dem Brett zu stehen und Tricks zu machen – da ist ja auch ein gewisser Lifestyle mit verbunden. Das gemeinsame Rumhängen, die Mode und so weiter. Ich wünsche mir auch noch viel mehr Förderung bei Meisterschaften. Mit Olympia hat das Skaten meiner Meinung nach aber nichts zu tun und ich denke, das sehen die meisten anderen genauso.

Nun seid ihr beiden durch eure Affinität schon etwas rumgekommen. Wie würdet ihr die Skate-Szene in Braunschweig im Vergleich zu anderen Regionen in Deutschland beschreiben?

Benedix: Die Szene in Braunschweig ist schon groß. Vor allem vom Zusammenhalt her. Abgesehen von unserer Skatehalle haben wir zum Beispiel keinen wirklichen Treffpunkt. Daher versammeln wir uns oft und fahren dann gemeinsam zu anderen Spots – auch außerhalb. Da kommen dann bei großen Aktionen schon teilweise etwa 150 Leute zusammen. Auf jeden Fall haben wir in Braunschweig eine wirklich große Skateboardszene, die auch weiterhin stetig wächst. Wobei das bei uns auch nicht so eng gefasst ist. Wir sind im Grunde ein Mob aus Salzgitter, Peine, Braunschweig, Wolfsburg, Gifhorn und Hildesheim.

Kasalar: Schon in den neunziger und auch in den zweitausender Jahren war Braunschweig immer bekannt für seine Skater, die auch bei den Wettkämpfen gut abgeschnitten haben oder auch in Zeitschriften abgelichtet wurden.

Mal angenommen, bei dir, Julien, ginge es noch weiter nach oben und einer der großen Sponsoren würde anklopfen. Würde es dann für dich Sinn machen, hier aus Braunschweig wegzugehen?

Benedix: Das kommt darauf an. Noch bin ich ja ziemlich jung. Außerdem hänge ich sehr an den Leuten von Boardjunkies und bin sehr dankbar für die Unterstützung. Es hängt natürlich damit zusammen, welche Dimensionen das einmal annimmt. An sich möchte ich schon irgendwann einmal weg aus Braunschweig, weil ich einfach auch mal etwas anderes sehen möchte – auch in Bezug auf das Skaten. Wenn dann ein großer Sponsor kommen würde, wäre das daher schon eine Option. Erst einmal muss ich jetzt aber auch die Schule beenden.

Wenn dann ein großer Sponsor kommen würde,

War das für dich auch mal eine Option, Ercüment?

Kasalar: Ich bin durch das Skaten und auch durch die Musik ohnehin viel herumgekommen. Mir hat das auf jeden Fall geholfen, die Welt offener zu sehen. Das schöne daran war, dass man durch das Skaten immer sofort einen guten Anschluss gefunden hat. Egal, wo man hinkam, die Leute, die man getroffen hat, haben das Gleiche gemacht wie du selbst.

Nun habt ihr bereits mehrfach den positiven Zusammenhalt innerhalb der Szene erwähnt. Gibt es auch negative Erfahrungen, an die ihr euch erinnert?

Kasalar: Da bin ich bei einem Video-Dreh von einem Handrail gefallen, habe mir das Kreuz verdreht und dabei den Rücken schwer verletzt. Ich lag damals sogar kurzzeitig im Koma. Außerdem war das Handgelenk gebrochen. Zwischenmenschlich habe ich aber eigentlich nie negative Erfahrungen machen müssen.

Ich kann da eigentlich nur einen Unfall erwähnen.

Benedix: Auch in anderen Städten hatten wir das noch nie. Wenn wir irgendwo hingekommen sind, wo andere gefahren sind, ist es in der Regel so, dass man zehn Minuten skatet und dann einfach ins Gespräch kommt. Zum Beispiel, wenn man einen geilen Trick steht, dadurch das Interesse der anderen geweckt wird und sie einfach auf dich zukommen und erstmal fragen, wo man eigentlich herkommt. Das geht alles relativ schnell und ist sehr unkompliziert und offen.

Wir bedanken uns für das Interview auch bei Stephan Chamier von Pokus und wünschen weiterhin alles Gute auf dem Brett.

Interview von Tobias Bosse und Tobias Feuerhahn