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Der Eintracht Herzkasper

Der Eintracht Herzkasper
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Als Fan von Eintracht Braunschweig kann es durchaus sein, dass man am sogenannten „Sportlerherz“ leidet. Dabei wächst die Größe der menschlichen Blutpumpe auf übernatürliche Größe an und zwar durch ein zu großes Maß an Belastung oder Stress. In unserem Fall wäre wohl Letzteres der Grund für ein solches Leiden, denn was ich in den letzten Jahren bei Spielen unserer Eintracht gelitten habe, reicht für zwei Leben. Und da bin ich bestimmt nicht der Einzige.

Als Fan...

Angefangen im Aufstiegsjahr 2012/13, als man Herbstmeister wurde und beim Fantasieren über den Bundesliga-Aufstieg noch ungläubig abwinkte, sich dann aber doch immer mehr auf den Gedanken einließ, bis es zur Erwartung wurde. Und jeder weiß, mit Erwartungen sind meistens auch Enttäuschungen verbunden. Nicht so aber in diesem Jahr. Damir Vrancic sorgte mit seinem legendären Freistoßtor in Ingolstadt dafür, dass jedes Eintracht-Herz seine natürliche Größe behielt.

Nun war man Erstligist und eigentlich war sich jeder einig – dieses Jahr genießen wir einfach nur, komme, was wolle. Meine Wenigkeit war einer von diesen Illusionisten, die der Meinung waren, dass es doch egal sei, ob man gewinne oder verliere. Hauptsache, man hat Spaß und das in Eintracht. Natürlich blieb es nicht bei dieser Einstellung, weil, wie viel Spaß kann man schon haben, wenn man in jedem Spiel auf den Deckel bekommt. Darum dauerte es nicht lange, bis sich die Nörgler häuften und zu Wort meldeten. Das man fünf Jahre zuvor nur knapp dem fußballerischen Niemandsland inklusive wirtschaftlichen Bankrott entkommen war, hatten einige dieser Schwarzseher wohl nicht mehr präsent.

Nun war man Erstligist

Ich will mich aber auch nicht zu weit aus dem Fester lehnen, denn auch meine Erwartungen von der Bundesliga änderten sich von: „Lass mal ’ne Auswärtsdauerkarte holen und einfach ein geiles Jahr haben“ zu: „Also jetzt will ich aber auch die Klasse halten.“ Und warum? Weil es möglich war. Das ändert aber nichts daran, dass der Abstieg rational betrachtet absolut logisch war. Allerdings ist es mit der Rationalität nicht so weit her bei einem so emotionalen Thema wie Fußball und Eintracht Braunschweig. Daher auch meine chronischen Herz-Spastiken. Denn nicht nur die Abschluss-Tabelle war knapp, auch diverse Spiele hatten absoluten Herzschlag-Charakter. Zum Beispiel das Heimspiel gegen Schalke (2:3 verloren) oder die Elfmeter-Pleite in Nürnberg (1:2 verloren), um nur zwei enge Höschen von vielen zu benennen. Aber gut, vorbei ist vorbei. Und nach dem für uns alle sehr emotionalen Jahr, an dessen Ende ein noch viel emotionalerer Abstieg stand, dachte man sich: „Wenigstens wird nächstes Jahr etwas entspannter.“ Weil ein direkter Wiederaufstieg angesichts des personellen Aderlasses (Bellarabi, Kumbela, Bicakcic, Elabdellaoui und Davari) genauso unwahrscheinlich erschien wie der vorherige Klassenerhalt. Falsch gedacht! Für mich war die vergangene Saison von den letzten drei mit Abstand die unchilligste. Woran das genau liegt, kann ich nur erahnen. Wahrscheinlich zum einen an der unpräzisen Zielsetzung und zum anderen an den starken Leistungsschwankungen der Mannschaft. Darum versuche ich, das vergangene Jahr anhand von Schlüsselphasen zusammenzufassen.

Mit Volldampf zurück im Unterhaus

Fortuna Düsseldorf – Eintracht Braunschweig 2:2

Möglicherweise denken sich einige jetzt: „Häää? Wie soll das erste Spiel der Saison ein Schlüsselspiel gewesen sein.“ War es auch nicht, hätte es aber sein können. Denn trotz aller Ungewissheit und Zurückhaltung geht man als Absteiger natürlich mit einer gewissen Anspruchshaltung in die Spielzeit. Zumal mit Hendrick Zuck, Vegar Hedenstad, Rafal Gikiewicz, Mushaga Bakenga, Seung-Woo Ryu und Saulo Decarli teilweise namhafter Ersatz für die oben genannten Abwanderer geholt wurde.

Möglicherweise denken sich einige jetzt: „Häää?

Und es ging auch gleich gut los. Saison-Eröffnungsspiel in Düsseldorf bei Flutlicht-Atmosphäre vor knapp 42.000 Zuschauern und Nielsen haut kurz vor Schluss noch den Ausgleichstreffer rein. Zwar ließen sich die Löwen fußballerisch noch viel Luft nach oben, aber kämpferisch war es genau das Ausrufezeichen, das die ungeliebten Erwartungen und das damit verbundene Herzrasen wieder hervorbrachte.

Im folgenden Spiel besiegte man Heidenheim quasi im Vorbeigehen, ohne dabei jedoch spielerisch oder kämpferisch zu überzeugen. Die Blau-Gelben nutzten einfach ihre drei Chancen eiskalt aus. Am dritten Spieltag sah sich Torsten Lieberknechts Mannschaft dann mit dem ersten harten Gegner konfrontiert, dem 1. FC Kaiserslautern. Eintracht unterlag mit 1:2, war aber keineswegs die schlechtere Mannschaft. Lediglich der letzte Wille fehlte – wie beim Ausgleich von Nielsen in Düsseldorf zum Beispiel. Was folgte, waren teilweise chaotische Auftritte gegen Bochum, RB Leipzig und St. Pauli. Nach dem Spiel bei den Kiez-Kickern flammten sogar einige „Lieberknecht raus“-Rufe auf. Der absolute Tiefpunkt bis dahin – und das völlig unangebracht.

Kessel knipst das Licht an

Eintracht Braunschweig – Greuther Fürth 2:2

War das vorherig angeführte Spiel noch ein streitbarer Schlüsselmoment, ist es dieses sicherlich nicht. Der buchstäbliche Last-Minute-Treffer von Benjamin Kessel war der Startschuss einer Serie, von der die Eintracht noch lange punktemäßig zehrte.

Last-Minute-Treffer von Benjamin Kessel

Dabei war es nicht so, dass Fürth dominiert und ein rechtmäßig verdienter Punkt geholt wurde. Vielmehr war es das, was Eintracht Braunschweig schon immer zu einem Großteil ausmachte, nämlich Leidenschaft und Wille. Na gut, etwas Glück war auch mit von der Partie, aber wer will schon Erbsen zählen. Viel wichtiger ist, was mit diesem Tor und dem gefühlten Sieg in Gang gesetzt wurde. Der Siegeswille war zurück. Auch wenn man den Fußball dabei nicht neu erfand, taten Boland & Co. das, was es brauchte, um Spiele zu gewinnen.

Gleich drei Mal in Folge gewannen Lieberknechts Schützlinge mit 2:1. Erst 1860 München, dann Aalen und Aue wurden besiegt. Anschließend schlug man noch Frankfurt mit 3:0 und Nürnberg durch ein Tor von Nielsen. Danach war Eintracht auf einmal Zweiter und Lieberknecht war für alle wieder der „König von Braunschweig“. So schnell geht das im Fußball manchmal. Tja, und mein Herz, dass war schon wieder auf Beutelratten-Modus gestellt. Ähnlich wie Scooter zu seinen besten Zeiten, 180 Beats per Minute.

Winterpause

Friede, Freude, Eierkuchen. Zwischen den Jahren herrschte beste Stimmung an der Hamburger Straße. Zum Jahresabschluss gewann man gegen Heidenheim und spektakulär gegen Düsseldorf. Dabei war Benjamin Kessel einmal mehr der auschlaggebende Akteur, der in der Nachspielzeit zur Führung netzte.

Nachspielzeit

Zudem legte man personell in der Offensivabteilung nach und verlängerte erst das Leihgeschäft mit Bayer Leverkusen für Ryu um ein halbes Jahr, verpflichtete Nik Omladic für das linke Mittelfeld und kaufte mit Emil Berggreen einen hochgewachsenen Mittelstürmer. Alle Vorzeichen deuteten auf Angriffslust. Auch weil Coach Lieberknecht eine Kampfansage in Richtung Ingolstadt schickte. Es sollte bei einer verbalen Attacke bleiben, denn, was seine Mannschaft zum Rückrundenauftakt auf dem Platz bot, hatte eher etwas von vornehmer Zurückhaltung. Aus den ersten fünf Spielen holte der Traditionsverein ein mickriges Pünktchen. Eine negativ Serie, die ihren diskutablen Höhepunkt in der 0:2-Heimniederlage gegen Schlusslicht St. Pauli finden sollte.

Die Rückkehr der Hoffnung

Eintracht Braunschweig – Erzgebirge Aue 4:2

Zu einem Zeitpunkt, an dem sich die Löwen bis zur Halbzeit mit abstiegsbedrohten Auern mehr als schwertaten, die meisten Zuschauer sich schon mit einer Übergangssaison im Nirgendwo der zweiten Liga abgefunden hatten und sich daher bereits auf bestem Wege vom Stadion ins Tennisheim oder auf das Sofa befanden, wachten die Löwen auf und zeigten Zähne.

die Löwen auf und zeigten Zähne

Klar, es war nicht der erste Dreier in 2015, aber auch wenn die vorangegangenen Spiele gegen Sandhausen, Fürth und 1860 gewonnen werden konnten, hatte man als Zuschauer weder den Eindruck, dass da oben noch einmal mitgespielt werden könnte oder die Mannschaft dies überhaupt wollte. Und dann kam Berggreen von der Bank und brachte die längst verloren geglaubte Hoffnung wieder zurück an die Hamburger Straße. Mit ihr kam auch die Erwartung sowie die Aufregung zurück. „Da fährt der Puls gerade mal runter, um sich auf andere Dinge wie Arbeit, Uni, Freundin oder Kastanien sammeln zu konzentrieren und dann das“, dachte ich mir. Naja, wenn ich mehr Monotonie gewollt hätte, wäre ich wohl nach München gezogen. So ist es zwar nervenaufreibender, aber dafür brauche ich keine Klatschpappe, um im Stadion Stimmung zu erzeugen.

Genickbruch der Aufstiegsträume

1. FC Nürnberg – Eintracht Braunschweig 3:1

Ein Moment purer Euphorie, der mich nach dem Aue-Spiel ereilte. Plötzlich begannen alle wieder, die Tabelle hervorzukramen und fingen an zu rechnen. Auch ich selbst: „Wenn wir nächsten Samstag Frankfurt schlagen und tags darauf Leipzig gegen St. Pauli verliert und Karlsruhe in Aue, dann sind wir wieder voll am Start“, lachte ich der Utopie frech ins Gesicht. Und dann passiert das auch noch wirklich. Zuerst zeigte Berggreen erneut seine Joker-Qualitäten und netzte nach seiner Einwechslung gegen den FSV gleich doppelt. Einen Tag später verabschiedeten sich die Leipziger aus dem Aufstiegsrennen und Karlsruhe unterlag überraschend mit 1:3 in Aue.

Unglaublich, wie unwirklich und subjektiv die Bedeutung von Momenten oder auch Fußballspielen sein kann. Auf einmal ging es im Spiel gegen Nürnberg um alles. Zumindest empfand ich das so. Und ich weiß, dass es vielen meiner Freunde genauso ging. Obwohl ich mich mit dem Gedanken, nächstes Jahr in der zweiten Liga einen Umbruch zu wagen, schon längst abgefunden hatte. Nicht nur das, sogar angefreundet hatte ich mich damit, weil es rational betrachtet wohl auch gesünder für Mannschaft, Verein und nicht zuletzt meine Innereien gewesen wäre. Aber versteht mich nicht falsch, ich spiele – beziehungsweise trinke – samstags auch lieber um 15.30 Uhr.

falsch, ich spiele – beziehungsweise trinke – samstags auch lieber um 15.30 Uhr.

So kamen wir ein gutes Jahr nach der Strafstoß-Katastrophe wieder zurück zum Mitabsteiger. Und eigentlich war mir vorher schon klar, unter soviel Druck, der aus den neu entstandenen Chancen resultierte, würde es sehr schwer werden, dort zu gewinnen. Allerdings wurde es dann doch deutlicher als gedacht. Leider. Angefangen bei der Aufstellung, die mit vier sicheren Sommer-Abgängen (Washausen, Nielsen, Kessel und Theuerkauf) äußerst diskutabel war. Über Konzentrationsfehler wie Mirko Bolands leichtem Ballverlust im Mittelfeld, der zum 0:1 führte. Bis zur Körpersprache der ganzen Mannschaft. So spielt man nicht, wenn man aufsteigen will.

Lichtflutung am Ende des Tunnels

Nun ist die Saison vorbei. Als Absteiger aus der Bundesliga hat man es im ersten Jahr nicht leicht, das merkten auch die Nürnberger, die deutlich schlechter abschlossen und zwei Mal den Trainer entließen. Nächstes Jahr wird es auch nicht viel leichter, weil uns ein Personal-Umburch bevorsteht, den viele jetzt schon negativ assoziieren. Aber warum eigentlich? Gucken wir uns das doch mal genauer an. Nach dem Sommer sicher noch an der Hamburger Straße sind: Gikiewicz, Reichel, Decarli, Correia, Sauer, Boland, Pfitze, Hochscheidt, Omladic, Zuck, Berggreen und Düker. Dem gegenüber stehen Abgänge wie: Kessel, Korte, Kruppke, Dogan, Petkovic, Theuerkauf und die Leihspieler Nielsen, Ryu und Hedenstad. Jetzt schon fest verpflichtet wurde Adam Matuschyk. Ein hervorragender defensiver Mittelfeld-Spieler, der enorme Fähigkeiten im spielerischen Aufbau mitbringt und dazu auch einiges an internationaler Erfahrung hat (21 Spiele für die Polnische Nationalmannschaft). Weitere Zugänge werden folgen, wie etwa Florian Niederlechner vom 1. FC Heidenheim. Der Stürmer könnte als Nielsen-Ersatz fungieren und wurde schon in der Löwenstadt gesichtet.

Berggreen

Weitaus interessanter sind aber Zugänge, die gar nicht so neu sind. Aus dem eigenen Nachwuchs nämlich. Die hauseigene A-Jugend ist die vielleicht beste, die die Eintracht jemals hatte. Zumindest sagte A-Jugend-Coach Sascha Eickel kürzlich, dass es die beste Mannschaft sei, die er jemals trainieren durfte. Eickel kam übrigens von Borussia Dortmunds A-Jugend, soviel zum Thema Qualität.

Guckt man sich bei den Nachwuchslöwen mal etwas genauer um, dann entdeckt man einige Juwelen, wie den erst kürzlich zum Profi gemachten Julius Düker. Beispiel gefällig? Niko Kijewski, 18 Jahre, Außenverteidiger und U-19-Nationalspieler. Unglaublich cool und abgeklärt für sein Alter. Zudem sehr kommunikativ in der Viererkette, die aus mindestens zwei weiteren potenziellen Profi-Kandidaten besteht: Mohammad „Hamudi“ Baghdadi, 19 Jahre, Außenverteidiger und eigentlich auch sonst überall einsetzbar und Marco Kaffenberger, 19 Jahre, Innenverteidiger. Letzterer dirigiert die Viererkette und Sechser in der Mannschaft von hinten heraus, gewinnt so gut wie jeden Zweikampf, wenn er den Ball nicht vorher schon abgelaufen oder ins Aus geguckt hat.
Das offensive Prunkstück der U-19 heißt Eros Dacaj. Ein Zehner vor dem Herren und mit 21 Scorer-Punkten der erfolgreichste Schützling von Sascha Eickel. Der 19-jährige Abiturient beherrscht sowohl den ruhenden Ball perfekt (fünf Freistoßtore) als auch den rollenden. Dazu ist er auch noch torgefährlich, was will man also mehr?

was will man also mehr?

Daher möchte ich meine Ausführungen mit einer kleinen Bitte beenden. Anstatt dauernd neue, große, teure Stars zu fordern, fordert lieber eine starke Integration unserer eigenen Jugendspieler. Damit unsere Eintracht auch nachhaltigen Erfolg hat und nicht nur kurzfristigen. Ich zumindest habe nämlich nicht vor, in den nächsten Jahren einen anderen Verein zu supporten. Ihr etwa?